Und wenn es um Zwiebeln geht...

„Eigentlich habe ich keine Lust auf Small Talk.“ Wer hat das nicht schon gedacht? Ob an der Kaffeemaschine, auf einer Party oder beim Stehempfang – oft verzichten wir auf ein Gespräch lieber, weil wir erwarten, dass es oberflächlich, langweilig oder sogar unangenehm wird.
Die Forschung zeichnet jedoch ein überraschend anderes Bild. Mehrere Studien der vergangenen Jahre zeigen übereinstimmend: Wir unterschätzen systematisch, wie positiv Gespräche auf unser Wohlbefinden wirken und wie sehr andere Menschen den Kontakt mit uns tatsächlich schätzen.
Selbst Gespräche über Mathe und Zwiebeln sind besser als erwartet
Die bislang wohl direkteste Antwort auf diese Frage liefert eine Studie von Elizabeth N. Trinh et al. (2026). In neun Experimenten mit rund 1.800 TeilnehmerInnen wurden die ProbandInnen zunächst gebeten, einzuschätzen, wie sehr ihnen Gespräche über vermeintlich langweilige Themen – etwa Zwiebeln, Mathematik, den Arbeitsweg oder Börsenkurse – gefallen würden. Anschließend führten die TeilnehmerInnen genau diese Gespräche.
Das Ergebnis war eindeutig: Die Gespräche wurden im Nachhinein deutlich positiver bewertet als erwartet. Dieses Muster zeigte sich unabhängig davon, ob mit Freunden oder Fremden gesprochen wurde, ob das Gespräch online oder persönlich stattfand und sogar dann, wenn beide GesprächspartnerInnen das Thema zunächst gleichermaßen langweilig fanden (Trinh et al., 2026).
Wir bewerten das Thema – nicht das Gespräch
Warum verschätzen wir uns so häufig? Die AutorInnen sehen den Grund darin, dass wir vor einem Gespräch fast ausschließlich dessen Thema bewerten. Erscheint uns dieses uninteressant, schließen wir automatisch auf ein langweiliges Gespräch. Was wir dagegen kaum vorhersagen können, ist das, was ein Gespräch auch ausmachen kann: gegenseitiges Zuhören, spontane Reaktionen, Humor, überraschende Perspektiven oder einfach das Gefühl, verstanden zu werden. (Trinh et al., 2026)..
Wir glauben, weniger sympathisch zu sein, als wir tatsächlich wirken
Zu dieser Fehleinschätzung kommt ein zweiter psychologischer Effekt hinzu: der sogenannte Liking Gap.
In einer Reihe von Studien zeigte ein Forschungsteam um Erica Boothby, dass Menschen nach einem Gespräch regelmäßig glauben, ihr Gegenüber habe sie weniger gemocht, als es tatsächlich der Fall ist (Boothby et al., 2018).
Während wir selbst über jede kleine Gesprächspause oder ungeschickte Formulierung nachdenken, nehmen unsere GesprächspartnerInnen diese Details meist gar nicht wahr. Sie erleben die Unterhaltung als Ganzes – und bewerten sie häufig positiver als wir vermuten.
Das führt dazu, dass wir zukünftige Gespräche unnötig kritisch sehen und ihre Wirkung unterschätzen.
Auch tiefere Gespräche verlaufen besser als erwartet
Interessanterweise beschränkt sich dieser Effekt nicht auf Small Talk. Bereits 2021 zeigte Nicholas Epley mit KollegInnen, dass Menschen auch tiefgründige Gespräche mit Fremden deutlich negativer vorhersagen, als sie sie später erleben.
Vor dem Gespräch erwarten sie Unsicherheit, Peinlichkeit und Desinteresse.
Nach dem Gespräch berichten sie dagegen von Verbundenheit, Freude und häufig sogar überraschender Nähe. Die größte Hürde ist also oft nicht das Gespräch selbst, sondern unsere falsche Erwartung davor (Kardas et al., 2021)..
Schon wenige Minuten verändern die Beziehung
Dass selbst kurze Gespräche wirken, sogar im digitalen Raum, zeigt eine aktuelle Studie von Andrew Guydish und Jean Fox Tree (2025).
Bereits ein kurzer Austausch hatte messbare Auswirkungen: Die TeilnehmerInnen fühlten sich stärker miteinander verbunden, bewerteten ihr Gegenüber positiver und erlebten die anschließende Zusammenarbeit als angenehmer (Guydish & Fox Tree, 2025).
Offenbar reichen oft schon wenige Minuten persönlicher Austausch aus, um Beziehungen zu stärken – selbst dann, wenn sie ausschließlich digital stattfinden.
Warum unser Gehirn sich so häufig täuscht
Die vier Studien zeichnen gemeinsam ein bemerkenswert konsistentes Bild.
Wir unterschätzen den Wert von Gesprächen aus mehreren Gründen:
Wir bewerten vor allem den Inhalt eines Gesprächs und nicht die Qualität der sozialen Interaktion.
Wir überschätzen unsere eigene Unsicherheit und unterschätzen unsere Wirkung auf andere.
Wir glauben, andere Menschen seien weniger an einem Gespräch interessiert, als sie es tatsächlich sind.
Weil wir Gespräche häufiger vermeiden, sammeln wir weniger positive Erfahrungen, die unsere Erwartungen korrigieren könnten.
Unser größtes Hindernis ist also nicht mangelnde Gesprächskompetenz – sondern eine fehlerhafte Vorhersage unseres zukünftigen Erlebens.
Vielleicht ist Small Talk doch nicht unnütz
Small Talk wird häufig als Austausch über Nebensächlichkeiten belächelt. Seine wichtigste Funktion besteht vermutlich aber darin, sondern soziale Verbindung herzustellen. Ein kurzes Gespräch signalisiert:
„Ich nehme dich wahr.“
„Ich bin offen für Kontakt.“
„Für diesen Moment gehören wir zu derselben sozialen Situation.“
Vielleicht erklärt genau das, warum Gespräche über Wetter, Arbeitsweg oder den veralteten Kaffeeautomaten wirken.
Nicht weil das Thema spannend wäre.
Sondern weil Menschen es sind.
Literatur
Boothby, E. J., Cooney, G., Sandstrom, G. M., & Clark, M. S. (2018). The Liking Gap in Conversations: Do People Like Us More Than We Think? Psychological Science, 29(11), 1742–1756.
Guydish, A. J., & Fox Tree, J. E. (2025). Small Talk in Videoconferencing Improves Conversational Experience and Fosters Relationships. Cognition and Emotion, 39(4), 757–769.
Kardas, M., Kumar, A., & Epley, N. (2021). Overly Shallow? Miscalibrated Expectations Create a Barrier to Deeper Conversation. Journal of Personality and Social Psychology.
Trinh, E. N., Thio, N., & Klein, N. (2026). Conversations About Boring Topics Are More Interesting Than We Think. Journal of Personality and Social Psychology, 130(6), 1167–1189.





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