Schließlich sind wir soziale Wesen
- MARTINAPETERSENCOACHING

- 15. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Feb.

"Super einsam" lautet der Titel eines Romans von Anton Weil*, in dem es um frühen Verlust und soziale Unverbindlichkeit geht. Der Superlativ im Titel lässt sich auf den Schmerz der Romanfigur beziehen wie auch die "höhere" Ebene eines allgemeinen Problems. Eines Problems, das auch Menschen betrifft, die aktuell keinen Verlust zu verarbeiten haben. Darunter viele Kinder.**
"Zeit für einen Reality Check: Es ist September, und mir gehts nicht mal mehr okay. Die Einsamkeit kriecht von den kalten Dielen hoch durch meine Füße Richtung Brustkorb und schließlich bis zum Hals, die Kälte durchdringt mich, und keine der Heizungen schenkt mir Hoffnung. Ich hab sie auf fünf gedreht, aber da kommt nix, nicht mal ein Geräusch." Anton Weil
Wissenschaftliche Antworten auf die Frage, WARUM jemand einsam ist oder warum Einsamkeit in der Gesellschaft zunimmt, können zum besseren Verständnis des Phänomens beitragen. Zur individuellen Problemlösung aber mag das nicht genügen. Dafür ist es hilfreicher, sich die Frage zu stellen: "WOZU bin (und bleibe) ich eigentlich einsam?" (auch wenn diese auf den ersten Blick abwegig wirkt).
In Kürze, worum es geht: "Einsamkeit beschreibt die 'unangenehme Erfahrung, bei der die eigenen sozialen Beziehungen entweder quantitativ oder qualitativ als unzureichend empfunden werden'", so definiert im Einsamkeitsbarometer des Bundes***. Einsamkeit ist also eine subjektive Bewertung, kein objektiver Zustand wie etwa soziale Isolation. Wer sich als einsam betrachtet, ist mit den eigenen sozialen Beziehungen unzufrieden, weil es zu wenige sind oder weil die bestehenden nicht so sind, wie man sie sich wünscht. Nun lässt sich nicht alles, was man sich anders wünscht, aus eigener Macht ändern. Geht es aber um unsere soziale Beziehungen, dann spielt das eigene Engagement durchaus eine Schlüsselrolle, sollte man meinen.
Wozu, lautet also die Schlüsselfrage, einsam bleiben, wenn es doch in der eigenen Macht liegt, dies zu ändern? Mir fallen darauf zwei Antworten ein:
Um Anstrengung zu vermeiden: Es kann mitunter dauern, bis man jemanden auf derselben Wellenlänge gefunden hat. Auch, dass sich manche Menschen mit ihren Vorstellungen von Freundschaft oder Beziehung schwerer tun als andere oder Persönlichkeiten suchen, die statistisch weniger häufig vorkommen, kommt vor. Da hilft ein Plan, etwas Geduld und die Bereitschaft, sich für sein elementares Bedürfnis einzusetzen, denn das ist soziale Eingebundenheit.
Um Zurückweisung zu vermeiden: Auch wer fürchtet, wie ein armseliger Bittsteller betrachtet oder - noch schlimmer - zurückgewiesen zu werden, wenn sie oder er sich um neue Kontakte bemüht, wird dies eher vermeiden. Aus Angst vor Ablehnung werden soziale Engagements vermieden. Niemand wird gern abgelehnt, ist ja schließlich nicht das, was man erreichen wollte. Aber wie kommt es denn, dass sich manche Menschen stark davor ängstigen, abgelehnt zu werden oder in den Augen anderer als bedürftig dazustehen, während andere sich um solche Überlegungen 'keinen Pfifferling scheren'? - Die gute Nachricht ist: Es hat nichts zu tun mit den Personen oder ihren Qualitäten! Ursächlich für die Angst vor Ablehnung hingegen sind Denkweisen. Genauer: Denkverzerrungen, die einem nicht einmal bewusst sein müssen. Zunächst ängstigt man sich vor etwas, dessen Eintreten man für sehr wahrscheinlich hält ("Die wird mich bestimmt auslachen!"). Warum aber sollte es wahrscheinlich sein, dass jemand, dem man sich freundlich und interessiert zuwendet, ablehnend reagiert? Ausgeschlossen ist das zwar nicht, aber die Eintrittswahrscheinlichkeit kann überschätzt werden. Wichtiger noch als dieser ist der zweite Denkfehler: Abgelehnt zu werden, wäre fürchterlich. Wieso? Ich wäre dann, siehe oben, ein armseliger Bittsteller, bedürftig, niemandem wichtig, usw. Das ist ein logischer Fehlschluss. Warum sollte man von der Reaktion einer Person in einer bestimmten Situation auf Aussagen über die eigene Person schließen können? Wie komme ich darauf zu denken, dass ich unattraktiv, unintelligent, uninteressant, zu jung, zu alt, zu was auch immer bin, weil Person X gerade zu mir sagt: "Du, sorry, ich hab gerade tierisch viel um die Ohren."? Selbst wenn X mich abwimmeln will, was ich so genau vielleicht gar nicht wissen kann, könnte das etwas über sie, ihren Geschmack und ihre momentanen Prioritäten aussagen, aber wieso über mich?! Macht keinen Sinn, oder?.
Fazit: Wenn Sie die Frage "Wozu bin ich einsam?" zu Antwort 1 führt, dann heißt es: Abwägen zwischen Aufwand und Ertrag. Was bin ich bereit, für einen Zuwachs an Quantität oder Qualität meiner sozialen Beziehungen zu tun?
Passt eher Antwort 2, dann checken Sie vielleicht mal Ihr Denken über soziales Engagement. Machmal haben sich da über Jahre, vielleicht auch nach einer negativen Erfahrung, unlogische und unnötig negative Gedanken eingenistet. Wäre doch schade!
"Sie sieht mich an. In mir stellt sich eine Friedlichkeit ein, die ich nicht kenne. Sie sieht mich. Ich werde ganz ruhig. ..." Anton Weil
P.S. Einsamkeit kann ein flüchtiger Eindruck sein, die punktuelle Bestandsaufnahme nach Trennung oder Umzug in eine neue Stadt oder aber eine schmerzvolle andauernde Feststellung. Diese Hinweise zur Selbsthilfe sind lediglich als Anregung gedacht. Bei emotionalen Leidensdruck suchen Sie sich bitte professionelle Unterstützung.
*Anton Weil (2024): Super einsam. KEIN&ABER.
***https://www.dji.de/veroeffentlichungen/pressemitteilungen/detailansicht/article/1590-bereits-kinder-im-grundschulalter-fuehlen-sich-einsam.html; https://www.springermedizin.de/einsamkeit-im-kindes-und-jugendalter-zur-verbreitung-eines-risik/25434152



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