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Ich hab ja keine Zukunft mehr - TEIL I

Aktualisiert: 31. Aug. 2022


Werden wir im Alter unsichtbar und wenn ja, wäre das schlimm? Niemand wird gern übersehen. Mit zunehmendem Alter falle man höchstens noch negativ auf, so heißt es. Schluss mit bewundernden Blicken oder Pfiffen. Die spontanen Bemühungen Unbekannter um die eigene Gunst und Aufmerksamkeit, so wird beklagt, nehme stetig ab, bis man schließlich unsichtbar sei.

Ignorieren wir mal, dass wir Blicke überhaupt nur als bewundernd deuten, wenn unser Selbstbild und tagesaktuelle Stimmungen dies zulassen, und nehmen wir an, dass die Bewunderung der äußeren Erscheinung im Allgemeinen tatsächlich proportional zur Faltenbildung abnimmt - wäre das schlimm?

Bewundernde Blicke? - Fehlanzeige. Plötzlich fällt man nur noch negativ auf!

Niemand erfreut sich daran, im Spiegel Zeichen des Alterns wahrzunehmen. Mancher aber betrauert den Verlust perfekter Haut sogar mit depressiven Symptomen. Um den Prozess zu verzögern, soll Anti-Aging helfen, auch teure und teils schmerzhafte Operationen. Warum fällt es uns - und einigen besonders - so schwer, das Älterwerden zu akzeptieren?

Der Psychiater und Psychotherapeut Michael Lehofer schreibt, das Alter sei "zum verdrängungswürdigsten Lebensabschnitt überhaupt" geworden. Kein Wunder, denn mit Jugend assoziieren wir Lebenslust, Sexiness, Freude, Attraktivität, Spaß, Leistung und schier unerschöpfliche Möglichkeiten der Selbsterprobung. Mit Alter assoziieren wir... na, welche Bilder haben Sie im Kopf? Vielleicht die junggebliebenen Silberschöpfe aus den Versicherungsspots? Die den Jugendwahn verstärken, indem sie suggerieren, spätere Lebensphasen seien genau in dem Maß lebenswert, in dem man jung bzw. jugendlich bleibe. Jugend als Maßstab aller Dinge.

Individuelles Bewerten wirkt sich nicht nur auf das eigene Wohlbefinden aus, sondern es nimmt zusätzlich Einfluss auf das Denken anderer. Je größer der Kummer des Einzelnen über den Verlust ihres oder seines strahlenden Teints, desto negativer mit der Zeit auch das gesellschaftliche Image älterer Generationen. Dass die Lebenserwartung noch steigt und die Älteren mit den Baby-Boomer-Jahrgängen auch einen immer größeren Anteil der Bevölkerung ausmachen werden, wird kaum zu ihrer Beliebtheit beitragen.

"Vorstellungen drängen die Wahrnehmung in ihre Richtung, sie sind manipulativ und suggestiv. Daher sind Vorstellungen des Alters etwas, was uns alt macht." (Michael Lehofer 2021, 8)

Einsamkeit und Altersdepression sind gesellschaftliche Probleme. Menschen vereinsamen aber nicht nur, weil sie weniger mobil sind als früher oder vertraute Personen verlieren, sondern auch, weil sie sich im Alter für wertlos halten und infolgedessen kaum initiativ nach neuen Kontakten suchen oder bestehende aufrecht erhalten. Ein strahlender Teint steht für viel mehr als die Bestätigung des optischen Selbstbildes. Er symbolisiert vor allem Leistungsfähigkeit und eine Fülle an Lebensoptionen. Und offenbar denken wir oder viele von uns, ein wertvoller Mensch sei genau das: auffallend attraktiv, uneingeschränkt leistungsfähig/potent (roter Teppich auf dem Arbeits- und Heiratsmarkt) und ein Quell an Möglichkeiten. Wer diese Kriterien nicht (mehr) erfüllt, ist weniger wert.

Ein strahlender Teint steht für viel mehr als die Bestätigung des optischen Selbstbildes. Er symbolisiert vor allem Leistungsfähigkeit und eine Fülle an Lebensoptionen.

Unsichtbarkeit wird gedeutet als Indiz für Wertlosigkeit. Solch eine Überzeugung muss deprimieren! Wichtig ist: Wir fürchten nicht das Älterwerden, sondern die eigenen, meist negativen Zuschreibungen (vgl. Lehofer 2021: 7). Aber sind die überhaupt rational? Wie steht es mit Attraktivität, Leistungsfähigkeit und Lebensoptionen im Alter?

Selbstverständlich gibt es keine magische Grenze für Attraktivität und was gefällt, liegt bekanntermaßen im Auge der Betrachterin. Geschmacksache. Und zugleich muss man nicht toll finden, wenn die Haut leiert, auch geschenkt. Aber was wir daran schlimm finden, ist ja eben nicht, was wir sehen, sondern was wir damit verbinden. Zum Beispiel verminderte Leistungsfähigkeit.

Ja, angeblich sind wir mit kurz über 20 auf der Höhe unserer physischen Kraft, danach fällt sie ab. Die Zeugungsfähigkeit endet auch irgendwann. Klar, der Körper ist immer noch sterblich. Dennoch sagt dies wenig aus über die Leistungsfähigkeit der einzelnen Person und im Hinblick auf anderes als Fünfkampf und Familiengründung. Wer für einen Halbmarathon trainiert, hat vielleicht mehr Kondition als Jahrzehnte zuvor. Wer seinen Job schon lange macht, ist durch Erfahrung, Routine und Übung möglicherweise unvergleichlich leistungsfähiger (weil effektiver und effizienter) als zu Karrierebeginn. Und von welchem Zeitpunkt sprechen wir überhaupt?! Aber wichtiger als die Frage, ob wir Leistungsfähigkeit an Altersstufen binden sollten, ist doch diejenige, wie wir bewerten, wenn der Rücken plötzlich zwickt und Dinge mühsamer werden. Denken wir dann: "Ich sollte mich mal um meine Beweglichkeit kümmern" oder "Jetzt werde ich endgültig zum Wrack, schlimm ist das, peinlich! Mit mir will doch niemand mehr was zu tun haben. Und schon gar nicht die Jüngeren".

Leistungsfähigkeit zählt in einer Leistungsgesellschaft naturgemäß viel. Kant unterschied Menschen, denen er einen 'Wert an sich' zusprach, von all dem, was einen Preis hat. Bewertet man Menschen nach ihrer Leistungsfähigkeit, so gibt man ihnen damit einen Preis und würdigt sie zu Produkten herab. Das kann man tun. Aber begeht man damit nicht einen Kategorienfehler? Schließlich ist die ökonomische Sicht der Welt nicht die Welt, sondern nur die ökonomische Sicht der Welt. Aus Attraktivität, Kondition, Merkfähigkeit und Empathie lässt sich keine Summe ziehen. Und wir sind nicht unser Rücken.

Bewertet man Menschen nach ihrer Leistungsfähigkeit, so gibt man ihnen einen Preis und würdigt sie damit zu Produkten herab.

Das gilt auch für den Reichtum an Lebensoptionen, den wir mit Jugend verbinden. Auch sie machen nicht den Wert eines Menschen aus. Welche Denkfehler wir dabei noch machen, folgt in Teil II zum Thema.

Zwischenfazit: Sehr schade und unnötig, wenn wir uns überhaupt pauschal und dann auch noch mit etwas wie dem Alter, das uns alle betrifft und auf das wir keinerlei Einfluss haben, auf- oder abwerten. Wer sich besonders in seiner Jugend sonnt, hat es ohne Umdenken im Alter dann schwerer.


Michael Lehofer (2021): Alter ist eine Illusion. Wie wir uns von den Grenzen im Kopf befreien. München: Gräfe und Unzer.


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