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IM GRUNDE GUT SOLLT IHR SEIN!

Aktualisiert: 8. Nov. 2021



Wonach wir neue Sozialkontakte "abchecken" ist nicht ihre Herzlichkeit oder Kompetenz, sondern laut aktueller Studie: ihre MORALITÄT.


Bislang ging man davon aus, dass wir Menschen, denen wir zum ersten Mal begegnen, vorrangig nach ihrer Herzlichkeit und Kompetenz bewerten. Stimmt nicht, so eine aktuelle Studie: Wir prüfen vor allem ihre Moralität.


Der prüfende Blick auf neue Sozialkontakte ist Teil unseres urmenschlichen Verhaltensrepertoires und gilt der Einteilung in Freund und Feind. Zwei Aspekte galten dafür lange als leitend: Herzlichkeit (warmth) und Kompetenz (competency). Herzlichkeit, so die Erklärung, spreche dafür, dass vom Gegenüber keinerlei Gefahr ausgeht. Und Kompetenz könne sich für die Umsetzung der eigenen Interessen als nützlich erweisen. (Vgl. Brambilla et al., 2021)

Der prüfende Blick auf neue Sozialkontakte ist Teil unseres urmenschlichen Verhaltensrepertoires und gilt der Einteilung in Freund und Feind.

Nun fiel auf, dass das Konstrukt „warmth“ (neben Freundlichkeit, Gutmütigkeit und Kontaktfreude) auch moralische Aspekte wie Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Vertrauenswürdigkeit umfasst. Jemand, so die Autor:innen, könne aber durchaus vertrauenswürdig sein und zugleich wenig freundlich oder gar herzlich - die Autoren verweisen auf Ludwig Wittgenstein, der Berühmtheit nicht aufgrund seiner Eignung als Lehrer erwarb (vgl. ebda). Und auch auf Menschen, die überaus herzlich sind, ohne dass auf sie Verlass ist, trifft man ja gelegentlich.


Die Forscher:innengruppe untersuchte die Bedeutung von Moralität bei der Beurteilung fremder Personen infolgedessen getrennt von Herzlichkeit und Kompetenz.

Mit dem Ergebnis, dass Moralität das zentrale Kriterium ist, nach dem wir fremde Personen „abchecken“ - beginnend bereits mit der Auswahl an Informationen, die wir heranziehen, um uns ein Bild von ihnen zu machen (vgl. ebd.: 11ff).


„Our reasoning was that morality is fundamental, because it offers a window into other people’s intentions - whether they are likely to be helpful or harmful.“

Es spricht vieles dafür, dass Menschen „im Grunde gut“, auf Kooperation, Freundschaft und Loyalität ausgerichtet, sind (Bauer 2010; Bregman 2020). Und deshalb, so zeigt die Studie, suchen wir auch bei anderen zunächst vor allem nach Hinweisen darauf, dass wir ihnen vertrauen können - auf ihre „core Goodness“ (Brambilla et al., 2021: 31).

Mit einem Vertrauensvorschuss steigern wir die Wahrscheinlichkeit, auf Tugenden zu treffen.

Trifft Vertrauenswürdigkeit nun auf eine Person zu, so reagieren wir mit ebenfalls kooperativem, unterstützendem Verhalten. Halten wir jemanden hingegen für nicht vertrauenswürdig, distanzieren wir uns. Im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung spielen bei der Einordnung anderer Personen nun aber auch bisherige Erfahrungen eine Rolle. So prägen wir das Ergebnis unseres Moralitäts-Checks in gewisser Weise selbst mit: Wer aufgrund negativer Erfahrungen anderen grundsätzlich distanziert oder sogar ablehnend begegnet, untergräbt jede Kooperation und damit die Gelegenheit seines Gegenübers, sich als vertrauenswürdig zu erweisen (vgl. ebd.: 53ff). Mit einem Vertrauensvorschuss hingegen steigern wir die Wahrscheinlichkeit, auf Tugenden zu treffen.


Ein positives Menschenbild begünstigt mithin positive Erfahrungen und so bestätigt sich wiederum: ein positives Menschenbild. Leider stimmt der Zusammenhang auch umgekehrt.




Bauer, Joachim (2010): Das kooperative Gen: Evolution als kreativer Prozess. München: Heyne Verlag.


Brambilla, Marco/Sacchi, Simona/Rusconi, Patrice /Goodwin, Geoffrey P. (2021): The primacy of morality in impression development: Theory, research, and future directions. https://www.mbrambilla.com/wp-content/uploads/2021/07/Brambilla-et-al-2021-Advances.pdf


Bregman, Rutger (2020): Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit. Hamburg: Rowohlt.


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