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Wer hat bei mir das Sagen?

Aktualisiert: 23. Aug.



"Sei einfach ganz du selbst!" Wie oft hören wir diesen gut gemeinten Rat! Aber wie ist man denn man selbst? Und was hat Selbstsein mit Selbstbestimmung zu tun?

Jemandem zu raten, sie oder er selbst zu sein, unterstellt, dass sich die Person fälschlicherweise verstellt. Jetzt gerade spielt sie eine Rolle und verbirgt, wer sie oder er eigentlich ist. Und das tut man eben nicht. Oft ist dabei die Rede von einem "wahren Selbst", einer Art Persönlichkeitskern, den es zu entfalten gelte. Die Annahme, dass Menschen mit einem inneren Bauplan von der Person, die wir mal werden, genannt Seele, auf die Welt kommen, findet sich schon bei Aristoteles. Günstige Bedingungen und ein langes langen Leben vorausgesetzt, könne sich jeder Mensch zu dem Wesen entwickeln, das in ihm bereits angelegt sei. Das Konzept zielt nicht auf Selbstbestimmung, sondern auf Selbstentfaltung. Wollen wir darin eine Bestimmung sehen, so kommt diese ja nicht von einem selbst, sie ist einem mit der Geburt bereits gegeben.

Haben wir so etwas wie ein wahres Selbst?

Passt das aristotelische Konzept dazu, wie wir uns heute sehen? Über genetische Disposition hinaus lässt sich ein wahres, uns als Person bestimmendes Selbst wissenschaftlich kaum begründen. Die Psychologin Bettina Hannover etwa betrachtet das Selbst als dynamisches und vom Kontext abhängiges selbstbezogenes Wissen. So verfügten wir eher über verschiedene "Selbste", von denen aber keines so etwas wie das wahre sei. Mit diesem Selbst-Wissen werden wir vor allem aber nicht bereits geboren. Beobachten lässt sich schließlich, dass Kinder im Austausch mit der Welt, in der sie sich befinden, ein Selbstbild entwickeln. Aus Erlebnissen und Rückmeldungen. Sprich: aus Erfahrung. 

Genetische Merkmale und Dispositionen einerseits und Erfahrungen andererseits prägen uns also, ob bewusst oder unbewusst. Aber auch das bedeutet nicht, dass wir uns als vollständig determiniert betrachten müssen. Gehen wir stattdessen von einer relativen menschlichen Freiheit aus und nehmen also an, Optionen sehen, entwickeln und aus ihnen nach einem Modus wählen zu können, der sich nicht bereits in Seele, Genen oder Erfahrungenfindet, dann öffnen sich Räume für Selbstbestimmung. Und dann, abseits von Bestimmung, Schicksal oder äußeren Zwängen, geht es um die Frage "Wer will ich sein?".


Die Frage klingt nach Wunschkonzert und man könnte einwenden, dass jemand ohne geeignete Stimme zwar den Willen haben kann, Sopranistin zu werden, es aber dennoch niemals werde. Und man könnte anfügen, dass Selbsterkenntnis - man denke an das Orakel von Delphi -, Selbstreflexion, Intuition und Bauchgefühl schon immer als wichtige Wege zu innerer Harmonie und Stimmigkeit galten.

Bei Selbstbestimmung geht es um die Frage "Wer will ich sein?"

Und tatsächlich: Wer sich gut kennt, mit dem eigenen Fühlen, Denken und Handeln sowie seinen Stärken und Schwächen einigermaßen vertraut ist, ist weniger häufig überrascht oder enttäuscht, kann ggfs. nachjustieren, wenn Verhaltensweisen zu Konflikten führen. Selbstwissen ist bereichernd und hilfreich. Es kann verhindern, dass sich jemand ohne Musikalität darauf versteigt, mit Gesang sein Geld verdienen zu wollen. Aber dennoch: die Selbstschau - auf welchem Weg auch immer - allein reicht nicht hin. All das Wissen darüber, wie wir bis jetzt waren, kann nicht die Frage beantworten, wie wir künftig sein wollen.

Selbsterkenntnis reicht nicht hin, um die Frage zu beantworten, wer wir künftig sein wollen.

Selbstbestimmung bedeutet zu allererst, davon überzeugt zu sein, dass die Frage "Wer will ich sein?" eine sinnvolle ist. Es bedeutet, anzuerkennen, dass man trotz seiner Gene und frühkindlichen Erfahrungen die Verantwortung für sich und sein Leben nicht abgeben kann. Es bedeutet, um die Chance zu wissen, sich immer wieder neu erfinden, nachzujustieren, sich andere Ziele setzen und verändert im Leben stehen zu können. Dafür braucht es die Bereitschaft, sich vorzustellen, wie oder wer man noch sein, was man denken und tun, wofür man sich einsetzen und worauf man pfeifen könnte. Und den Mut, es zu tun. Wie sehen Sie das?

Übrigens: Selbstbestimmung (Autonomie) wird als eines der psychischen Grundbedürfnisse angesehen (Deci & Ryan).



Mit Selbstbestimmung wissenschaftlich auseinandergesetzt haben sich Deci und Ryan, in diesem Buch und weiteren einzelnen Arbeiten:

Edward L. Deci & Richard M. Ryan (2004): Handbook of Self-Determination Research, Woodbridge: The University of Rochester Press.

Bettina Hannover (1997): Das dynamische Selbst. Die Kontextabhängigkeit selbstbezogenen Wissens.



 
 
 

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