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Ich hab ja keine Zukunft mehr! TEIL III

Aktualisiert: 1. Aug. 2023



Über unsere zweite Lebenshälfte denken wir - auch bereits in jungen Jahren - vielfach pauschal negativ. Das ist irrational und tut uns nicht gut.

Wie werden wir die Grenzen im eigenen Kopf aber los?

Deprimierende Glaubenssätze über Lebenschancen und Selbstwert finden sich bei Menschen jeden Alters. Eine junge Person kann sich nach dem Umzug in eine neue Stadt für ein Studium ("Mich werden wieder alle übersehen. Ist ja klar, ich bin ein Niemand. Und viel zu schüchtern. Peinlich. Am besten geh ich zu den Lehrveranstaltungen gar nicht hin, sondern nehme nur virtuell teil") genauso einsam fühlen wie ein ältere Person, deren Arbeitsverhältnis soeben geendet hat ("Sicher wird sich heute wieder niemand bei mir melden. Eigentlich vermisst mich auch niemand, ich war für die alle nicht mehr als irgendein Kollege. Und auch das ist jetzt vorbei, ich werde ganz sicher einsam und allein bleiben"). In beiden Fällen ist das Denken verzerrt. Es ist das gleiche Schema und beide Personen leiden unter ihren ungerechtfertigt negativen Überzeugungen, ohne zu realisieren, dass sie sich damit schaden.

Wenn eine Person mit negativem Denken sehr alt ist, wird sie auch ihr Alter vielleicht in ihre pessimistische Sicht einbeziehen. Aber das Alter allein ist keine Determinante für Schwarzsehen.

Was haben die Beispiele nun mit der Überzeugung "Ich hab ja keine Zukunft mehr!" zu tun? Sie zeigen, dass negative Glaubenssätze nicht altersgebunden sind. Wenn eine Person mit negativem Denken sehr alt ist, wird sie diesen Sachverhalt vielleicht in ihre pessimistische Sicht der Dinge einbeziehen. Aber das Alter allein ist keine Determinante für Schwarzsehen in die eigene Zukunft. Allerdings ist es sinnvoll, sich von unangemessen negativen Bewertungen über sich und seine Zukunft lieber früher als später zu befreien, denn je länger man so denkt, desto größer auch die emotionalen Turbulenzen, die damit einhergehen können. Und wer von seiner zweiten Lebenshälfte nichts erwartet, wird im Übrigen ja auch dafür sorgen, dass sie oder er damit Recht behält.

Mit DELETE wird man negative Glaubenssätze nicht los. Es müssen neue her.

Wie werden wir nun also - wann immer wir feststellen, dass wir uns schaden - irrationales Denken los? Verzerrungen im Denken lassen sich nicht im Handumdrehen vertreiben. Das ist auch kein Wunder, denn das, was wir für wahr halten, ist tief in unserem Unterbewusstsein verankert. Nur ein Bruchteil unserer Kognitionen ist bewusst gesteuert, auf Impulse reagieren wir meist automatisch. Was nicht bedeutet, dass da nix zu machen ist. Was aber dennoch heißt, dass ein gewisses Kommitment vonnöten ist, ein Engagement in eigener Sache.

Wer unangemessene Überzeugungen zu sich und der Welt bereits entlarvt hat, würde nun gern auf DELETE tippen und das Problem ist behoben, so die Erwartung. Auf diese Weise funktioniert unser Gedächtnis aber nicht. Löschen geht nicht. Stattdessen können wir neue, angemessene und im Hinblick auf unser Wohlbefinden funktionale Glaubenssätze formulieren und diese "bahnen", sprich: im Gedächtnis verankern. Damit sie zu neuen automatischen Gedanken werden.

Die neuen Gedanken dürfen positiv, aber nicht irrational sein. Es geht nicht darum, sich die Dinge schön zu reden.

Das hört sich an, als könne man sich Überzeugungen, mit denen es einem nach Möglichkeit gut geht, vom Baum pflücken. Das ist natürlich nicht der Fall. Überzeugungen haben nicht den Charakter dessen, was uns an Schöngerede missfallen kann. Sie dürfen zwar positiv, aber nicht irrational sein. Wir müssen ihnen logisch zustimmen können, sonst wird es nichts mit dem Verankern im Gedächtnis.

Das gilt auch für Überzeugungen hinsichtlich der eigenen Zukunft. Schönreden ist, wenn sich ein Mensch, der unter sozialer Isolation leidet, sagt: "Ist ja eigentlich auch besser so mit dem zurückgezogenen Leben. Niemand stört mich und ich kann tun und lassen, was ich will." Geht es dabei um lediglich einen tristen Abend allein zuhause, dann könnte man dieses Denken positiv unter Akzeptanz verbuchen: So isses heute nun mal. Als Bewertung eines andauernden Missstandes aber ist es kontraproduktiv, solange die Person unter dem, wie es ist, dauerhaft leidet. Die Funktion heißt dann: nichts verändern, weiter leiden.

Rationale Glaubenssätze nun im Konkreten verankern: Ziele setzen, realistische Pläne machen, mögliche Hindernisse "woopen"* und los geht's!

Zielführend ist es, die eigenen Bedürfnisse zunächst ehrlich zu benennen, entsprechende Ziele und Pläne zu machen und mit leicht optimistischem Blick in die Zukunft zu verfolgen. (https://www.petersen-psychotherapie-hamburg.de/post/synchronizität-serendipität-oder-wie-passiert-was-man-sich-wünscht). Und Sie wissen ja: Mit dem Lebenssinn ist es wie mit der Kunst: Was gefällt, liegt im Auge des Betrachters. Wichtig dabei ist ein besonderes Augenmerk auf die Hindernisse, die im Weg liegen können. Wie ein Hamburger ForscherInnenteam gezeigt hat, bleiben Menschen eher bei ihren Vorhaben, wenn sie sich bereits vor Auftreten der möglichen Schwierigkeiten bewusst waren, mit denen sie konfrontiert sein könnten, und auch bereits überlegt und geplant hatten, wie sie mit diesen Herausforderungen umgehen würden (WOOP*).

Wenn Sie sich dann Ziele gesetzt und deren Umsetzung geplant und "gewoopt" haben, formulieren Sie Ihren neuen, rationalen und konstruktiven Glaubenssatz und hängen ihn dorthin, wo er immer er für Sie zu sehen ist (Spiegel, Schreibtisch...).

Das ist schwer? Ja, Umdenken gelingt nicht an einem Tag. Erst einmal muss man das eigene Denken checken. Vielleicht fällt es auch schwer, geeignete Ziele zu finden oder sich für sie zu entscheiden. Dann braucht man vielleicht mal Unterstützung - warum auch nicht?! Das Kommitment lohnt sich in jedem Fall und für einen wahrscheinlich längeren Zeitraum als erwartet: Laut deStatis lebten am 12.07.2022 in Deutschland bereits 23.500 plus100-Jährige.


*WOOP: https://woopmylife.org/de/home


Anleitungen zum Umdenken:

Harlich H. Stavemann (2017): Lebensziele in Therapie und Beratung. Sinn- und Wertefragen klären, Handlungsziele bestimmen. Beltz.

Harlich H. Stavemann (2018): Im Gefühlsdschungel. Emotionale Krisen verstehen und bewältigen. Beltz.





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